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Von endlosen Vorspielen, verunsicherten Junioren und überforderten Wertungsrichtern

Aktualisiert: 24. Jan. 2022

Was ist der wichtigste Job bei der Ausrichtung eines Tanzturniers? Worauf sollte man keinesfalls verzichten können? Was ist WIRKLICH die ultimative Grundlage eines jeden Tanzes?

Wohl kaum die Moderation, die Wertung, das Protokoll, das Turnierbüro, das Catering. Als Tänzer brauche ich nur eines: Musik.

Umso unverständlicher erscheint es mir, wenn vermehrt auf Turnieren diese mehr als verantwortungsvolle Aufgabe nicht genügend koordiniert wird, sich mit der zu spielenden Musik nicht auseinandergesetzt wird und von den Tänzern, die ihren Spaß am Tanzen gern herüberbringen möchten, unverhältnismäßig viel abverlangt wird.


Im Folgenden schreibe ich über die größten No-Gos:


1. Musik? Kann ja jeder!

„Auf Play drücken und 1:45min warten, das kann auch der Peter aus dem Hobbytanzkreis, der hat schon man beim freien Tanzen Musik gespielt!“

Wenn ich für Tanzturniere den DJ spiele, sollte ich zumindest selbst Turnier getanzt haben, bzw. mich damit sehr gut auseinandergesetzt haben, um zu wissen, worauf es ankommt. Nicht jeder Mensch kann unterscheiden zwischen gut tanzbarer und weniger tanzbarer Musik. Es bedarf grundlegender Kenntnisse über die zulässige TM/BPM-Zahl (Takte pro Minute), ein feines Ohr für eventuelle Taktwechsel innerhalb der Musik, Vorstellungen darüber, welche Titel für welche Leistungsklassen geeignet sind und vieles vieles mehr.


2. Alle Paare sind schon da… und der DJ?

Rechtzeitiges Erscheinen ist für den Zeremonienmeister unerlässlich. Mit dem Aufschließen des Saals sollte auch er vor Ort sein, um noch Soundcheck zu machen und letzte Vorbereitungen, wie die genaue Absprache mit der Turnierleitung (z.B. bezüglich Titellänge) zu treffen. Es geht gar nicht, wenn die ersten Paare am Turnierort erscheinen, sich bereit machen, eintanzen wollen und alle sind da, außer dem Verantwortlichen für die Musik. Wenn dieser eine halbe Stunde vor Turnierbeginn langsam in den Saal schlendert, hat er seinen Job verfehlt.


3. Ich hab noch drei bis vier CDs zuhause, das wird doch reichen!

Die Aufgabe, ein Turnier musikalisch zu begleiten, erfordert ein Höchstmaß an Kenntnisse über aktuelle und weniger aktuelle Tanzmusik. Es geht nicht darum sich alle neuen Tanzalben zu kaufen, aber es erfordert viel Aufmerksamkeit und ein hohes Maß an Kenntnisse über die Musik und ihre Entwicklung. Kann ich bei einem Junioren-C-Turnier wirklich meine Lieblingsmusik von Hugo Strasser 1980 spielen? Oder sollte ich dafür nicht lieber bis zum Senioren-4-Turnier warten? Muss es wirklich nur aktuelle Chartmusik sein oder kann auch mal ein Klassiker mit einfließen? Der DJ-Job erfordert Fingerspitzengefühl und Empathie den Tänzern gegenüber.


4. Der CD-Player funktioniert doch noch oder?

Die Zeit der CDs und es ständigen Wechselns zwischen diesen ist vorbei! Will ich gute Tanzmusik machen, bedarf einer geeigneten Software zum abspielen der Musik (so gut wie immer kostenfrei verfügbar). Der DJ sollte sich mit dieser Software sehr gut auskennen, um Fehler während des Turniers zu vermeiden. Die Musik existiert dann als Dateien in gut beschrifteten Ordnern. Kein hektisches Suchen, keine unnötigen Pausen auf dem Turnier, nur reine Ordnung.


5. Apropos Ordnung…

Die Arbeit eines DJs beginnt nicht AUF, sondern weit VOR einem Turnier. Wenn ungefähr klar ist, welche Turniere bespielt werden müssen, beginnt die Arbeit des DJs. Es wird geeignete Musik für jede Tanzgruppe gesucht, diese wird kategorisiert und nochmals unterteilt in Musik für Vorrunden und Finals. So oft habe ich es erlebt, dass in den Vorrunden die ganze gute Musik „verbraten“ wurde und es Titel ins Finale „geschafft“ haben, die finalunwürdig waren. Im Finale sollte die Musik die Paare und auch die Zuschauer nochmals zu Höchstleistungen motivieren. Gehen die Paare von der Fläche, sollen sie dies mit einem guten Gefühl und vielleicht einem Ohrwurm tun und nicht mit Ärger.

Dasselbe gilt für Eintanzrunden. Was bringt es DJs ihre gute Musik beim Eintanzen zu spielen und nichts übrig zu haben für das eigentliche Turnier. Noch schlimmer wird es, wenn ein und dieselbe Musik beim Eintanzen und während des Turniers gespielt wird.


6. Wir bleiben beim Eintanzen…

Eintanzsituation bei einem Junioren Breitensport Turnier: Die Paare sind erwärmt und möchten die Fläche testen. Es läuft Tango. Dann ein Tango. Es folgt Walzer. Dann Tango. Dann Quickstep und dann überraschenderweise Tango. Sind wir ausversehen bei einem Tangowettbewerb gelandet? Hat der DJ die Zufallswiedergabe eingestellt und 90% Tango in seiner Liste? Was möchte uns der Künstler damit sagen?

Beim Eintanzen kann man auch als DJ den Paaren die Nervosität nehmen oder diese schüren. Im besten Fall wird jeder Tanz in der richtigen Reihenfolge angespielt. Und ja angespielt, denn länger als 2-3 Minuten pro Tanz sind auch nicht nötig. Viele schöne Titel gehen gern vier bis fünf Minuten, schön für die Zuschauer, schlecht für die Sportler, die auch gern die anderen Tänze vielleicht testen möchten.


7. Höhere Anforderungen ja, aber in Grenzen!

Zwischen Bumm Ta Ta und schwierigen Melodieverläufen gibt es weitaus mehr Musiken.

Natürlich erwartet man von Paaren höherer Leistungsklassen, dass sie sich auch zu schwierigerer Musik bewegen können. Wenn aber bei Breitensport-Junioren ein Titel mit deutlich hörbarem Rhythmus gespielt wird und bei D-Klassen-Junioren ein Titel, der nur aus Gesang und Klavier besteht, dann ist das unverhältnismäßig. Ein guter DJ hat viele ähnliche Titel für ähnliche Leistungsklassen. Dazu zählt auch, ob die Musik rein instrumentaler Natur ist oder ob jemand singt. Hört man den Beat rein durch das Schlagzeug oder kann ein Klavier auch den Takt vorgeben? Sollte man vielleicht bei Anfängern keinen Titel spielen, bei dem der Sänger über den eigentlichen Takt hinweg singt und ist ein Klaus-Hallen-Walzer eventuell sehr ungeeignet für ein Turnier der A/S-Klasse? So viele Fragen, für die der DJ auf jeden Fall Lösungen haben sollte. Über das und viel mehr wird sich Gedanken gemacht. Ansonsten behandeln wir die Sportler unverhältnismäßig unfair, wenn sie ihre beste Leistung zeigen wollen, es durch die Einschränkungen der Musik aber nicht können.


8. Langes Vorspiel? Okay, aber nicht im Tanzen!

Als DJ kenn ich meine Titel, zumindest jene, die ich auf dem Turnier spielen möchte. Wie wahrscheinlich ist es, dass Paare eine gute Leistung abrufen, wenn sie bei Beginn des Tanzes erstmal 30 Sekunden auf den Einsatz der Musik warten? Lange Vorspiele gehören definitiv nicht in eine Turniermusik! Durch oben beschriebene Softwares lassen sich unnötige Vorspiele gut überspringen.


9. Fade In – Fade Out

Oft verwechseln DJs, dass das Ein- und Ausblenden der Musik zu Beginn und Ende des Tanzes nicht dasselbe sind. Das langsame Ausblenden gehört hundertprozentig dazu, denn dass man Titel nicht einfach abbricht, sollte jedem Laien klar sein.

Anders verhält es sich mit dem Einblenden. Wird Musik beim Turnier mit einem Fade-In versehen, treten unter anderem folgende Probleme auf: Die Tänzer (eh unter Anspannung) müssen sich erst in die Musik hineinhören, da nicht ganz deutlich ist, ob im Tango nun die 1 oder die 5 zuerst gehört wurde. Hinzu kommt, dass ab einem gewissen Niveau die Choreografien phrasiert, also an den Aufbau der Musik angepasst werden. Es ist dafür elementar wichtig, dass eine Phrase, sprich ein musikalisch zusammengehörender Block in der Musik, von Anfang an gehört wird. Noch dramatischer als im Standard ist es im Latein. Von Tänzern wird musikalisches Tanzen erwartet. Ausgeschlossen, wenn sie keine Chance bekommen, die Musik von Beginn an korrekt wahrzunehmen.


10. Einmarsch, Vorstellung, Siegerehrung

Selbst bei den kleinsten Turnieren ist es für Zuschauer und Paare angenehm, wenn außerhalb des eigentlichen Turniers gute Stimmung herrscht. So sollte auf jeden Fall jeder DJ einige Ein- und Ausmärsche vorbereiten, die die Laune im Saal hebt und die Spannung auf das bevorstehende Ereignis hebt. Auch eine schöne, beruhigende Musik bei der Vorstellung der Paare kann, genau wie die Fanfare zur Siegerehrung, für eine verheißungsvolle Atmosphäre sorgen.


11. Ich höre was du spielst, aber eigentlich hör ich gar nichts!

Turniersituation: Deutsche Meisterschaft Hauptgruppe Standard. Die ersten Tänze werden gespielt, am Rand fragende verwirrte Blicke von Wertungsrichtern, unsichere Paare. Der Klang der Musik verschwimmt, kein Takt hörbar. Dafür einige Zuschauer am Rand, die sich die Ohren halten. Hinzu kommt ein unangebrachtes Fade-In der Musik (siehe Punkt 8). Natürlich wird von den Paaren professionell reagiert und die beste Leistung trotz dieser Umstände gezeigt. Nötig war dieser Stress allerdings nicht.

Gute Akustik ist das A und O für Turniermusik. Wenn der DJ davon keine Ahnung hat, sollte ein Profi hinzugezogen werden. Die Musikboxen müssen so positioniert sein, dass sie auf der Fläche einen gut hörbaren Klang erzeugen. Sie müssen so platziert werden, dass es möglichst keinen Widerhall gibt. Es geht um die Sportler, die gerade auf der Fläche ihr Bestes zeigen wollen. Gute Tontechnik sollte da vorausgesetzt sein, sprich genügend Soundtests im Vorfeld und immer wieder Kontrolle während des Turniers. Wie stelle ich den Pegel der Musik korrekt ein, damit die Anlage nicht übersteuert, die Tänzer auf der Fläche aber auch nicht das Gefühl haben, sie hätten ihr Hörgerät vergessen einzuschalten.


Fazit

Gute Turniermusik ist nicht schwierig, sie erfordert nur einiges an Grundlagenwissen und Bereitschaft sich damit auseinanderzusetzen. In jedem Falle ein verantwortungsvoller Job, der mit seriösen Menschen besetzt werden sollte, die bereit sind, im Vorfeld einiges an Zeit zu opfern. So kann dafür gesorgt werden, dass Turniertanzsport egal welcher Alters- und Leistungsklasse attraktiv für Anfänger und Fortgeschrittene bleibt. Das Elementarste eines Tanzes ist die Musik. Ihr sollte auf jedem Tanzturnier ein weitaus höherer Stellenwert zugeschrieben werden. An ein Turnier mit gut durchdachter Musik wird man sich immer wieder gern erinnern.

ree

 
 
 

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